Montreal 1976

Eigentlich lief ich ja die Mittelstrecken und war hier auch erfolgreich, vor allem beim Hindernislauf über die 3000-m-Distanz. Meine heimliche Liebe galt jedoch schon immer dem Marathon. Der Äthiopier Abebe Bikila war mein Idol von Kindesbeinen an. 1974 dann das Aha-Erlebnis: Ich nutzte den Marathon in Kosice, um mein Hobby öffentlich zu machen und mich erstmals damit im Wettkampf zu messen. Es war wie ein Rausch! Ich, der Neuling, lief als Dritter mit 2:20,28h ins Ziel. - Ich war jetzt Marathonläufer. Mein Ziel: Olympia 1976 in Montreal.

Laufen. Laufen. Laufen!... Zwei Jahre eisernes Training, schwere Qualifikationsrennen noch im Frühjahr 1976. Ich steigerte meine Leistungen enorm. Bei der Olympiade würde ich als Nobody starten; doch kurz vor den Spielen wusste ich, dass in dem Jahr bis dato weltweit nur vier Sportler schneller waren als ich. Der vormalige Olympiasieger Frank Shorter aus den USA wurde als Favorit gehandelt. Seiner Taktik musste ich mich beugen, wenn ich dran bleiben wollte: Er zermürbte seine Gegner regelrecht, indem er plötzliche Sprints einlegte. Das kann jede, lang trainierte Kräfteplanung eines Wettbewerbers zunichte machen.

Darauf war ich gefasst. Und wirklich, vorzugsweise an Steigungen zog Shorter das Tempo an; unter frenetischem Beifall seiner Landsleute an der Strecke. Unter allen Umständen wollte ich mithalten! Und ich schaffte es. Nicht nur das, bei km 34 überholte ich ihn. Fragen Sie mich nicht, was da in mir vorging. Meine Kräfte waren fast am Ende, als ich ins Stadion einlief. Der Schock: eine Tafel zeigte mir, dass ich noch eine weitere, nicht geplante (!), Runde zu laufen hatte. Jeder dieser letzten Meter fiel schwer. Plötzlich sah ich Shorter. Vor mir! - Ich war eine Runde zuviel gelaufen. Er wartete im Ziel, um mir zum Sieg zu gratulieren.

Zieleinlauf Moskau 1980 (Youtube)